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Totti 40

Zum 40. Geburtstag von Francesco Totti präsentieren wir euch in diesem Special unsere Hommage an den einzigen Capitano.

von: Pietro Tallarico

Grafiken: Eike Heimpel

veröffentlicht am: 27.09.2016

Der VIII. König Roms

Totti 1st goal

Knapp 2500 Jahre nachdem der letzte Königs Roms vertrieben wurde, wird ein neuer König geboren. Für Rom sollte es die Einleitung zu einer neuen römischen Geschichte der Moderne werden. Francesco Totti war geboren und fernab der alten Zeiten voller Krieg und Blut sollte Rom einen König feiern dürfen, der Menschen mit Hilfe eines friedlichen Kampfes auf dem Kriegsfeld in Form einer rechteckigen Wiese die Freude am Römisch sein wieder bringen würde.

Als ich noch ein kleiner Junge war, bestritt Totti bereits seine ersten Spiele als Profi in der Serie A. Ich interessierte mich damals nur für das Spielen mit dem Ball, aber nicht für das Zuschauen. Somit wusste ich auch nicht von seiner Existenz. Allgemein wusste ich sehr wenig über das, was im Profifußball passierte, aber ich hatte immer das Gefühl, dass alle anderen Kinder ständig auf dem Laufenden waren.
Auf dem Pausenhof in der Schule spielte ich so oft es ging mit, wenn Fußball gespielt wurde. Egal ob mit einem Tennisball, Softball oder einem schlecht aufgepumpten Lederball. Doch es kam immer zu dieser verfluchten Frage, bei der ich nie wusste, was ich antworten sollte, da ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen und ich ehrlich gesagt auch keine Ahnung hatte, wovon die da eigentlich reden. Aber die Frage kam jedesmal:
"Für wen bist du?"

Auf dem Pausenhof in der Schule, in der Sportumkleide oder auf dem Bolzplatz in der Nähe von unserem Haus. Ständig musste ich mich dieser einen Frage stellen von der ich nicht wusste was ich antworten sollte. Ich beschäftige mich mit diesen Vereinen nicht, warum sollte ich mich für einen entscheiden? Oft gibt es Familien in denen man das in die Wiege gelegt bekommt, oftmals ist es ein Heimatverein oder einfach der Verein für den deine Eltern fiebern.
Bei mir gab es sowas nicht, mein Vater war zwar als Kind Inter-Fan und auch heute ist es noch sein Lieblingsverein, aber das wusste ich damals noch nicht und wirklich weitergeben wollte er mir das auch nicht.

"Bayern oder Dortmund?"
Die blau-roten Kinder schauten mich erwartungsvoll an, genauso wie die schwarz-gelben.
"Also. Bayern oder Dortmund?"
"Ehm..." eines wusste ich damals, die meisten Kinder trugen ein Klinsmann-Trikot. Also Bayern.
"Bayern" antwortete ich zögerlich. Freude bei den Bayern Fans. Enttäuschtes Raunen bei den BVB-Anhängern.
"Naja, dann sind es halt die Bayern" dachte ich mir.

So oft es ging wollte ich Fußball spielen gehen, mich interessierte kein Training im Verein oder die großen Idole der damaligen Sportwelt. Ich verstand nicht, warum sich mein Vater bei Spielen aufregte oder warum das Restaurant in dem ich aufgewachsen bin, überfüllt mit Menschen war, die ein Spiel auf einem Röhren-Fernseher sahen. Mir war das alles egal. Ich wollte einfach nur spielen. Darum sollte es doch gehen. Dachte ich zumindest.

Meine Sommer verbrachte ich in Italien, erst am Meer, dann in den Bergen. Am Meer gab es nie wirklich die Möglichkeit Fußball zu spielen, außer am Strand. In unserem kleinen Bergdorf gab es hingegen nicht allzu viele Alternativen. Mit meinem Bruder spielte ich, um uns die Langeweile zu vertreiben, auf der Straße vor unserem Haus. Entweder passten wir uns den Ball hin und her, oder der zementierte Weg zwischen zwei Gebäuden verwandelte sich mit kindlicher Fantasie in ein Tor. Auf dem Fußballplatz im Zentrum des Dorfes, welcher praktisch nur aus vertrockneter Erde bestand, gab es nämlich selten Kinder. Es war einfach zu heiß. Wenn sich mal die Gelegenheit ergab und wir am späten Nachmittag dort entlang spazierten hoffte ich darauf, Kinder zu sehen, die dort spielten. Mit etwas Glück und keinem passendem Schuhwerk - aber das hatte dort niemand - fanden sich auch dort ein paar Kinder zum spielen.
Aber zu meinem Leidwesen war ich auch hier nicht von der sagenumwobenen Frage verschont:
"Für wen bist du?"

"Juve oder Inter?" fragte man mich.
"Ehm..." Welches Lager sollte ich diesmal wählen?
"Weißt du das denn nicht? Wer ist dein Lieblingsspieler? Del Piero oder Ronaldo?"
"Sag Del Piero" riefen die schwarz-weißen Kinder. "Sag Ronaldo" riefen die schwarz-blauen Kinder.
Del Piero hatte ich mal im Fernsehen gesehen. Also Juve.
"Del Piero" Jubel bei den Juventini. Enttäuschtes Stöhnen bei den Nerazzurri.
"Naja, dann ist es halt Juve" dachte ich mir.
Für mich war das alles sehr nervtötend, da ich der Meinung war, man sollte diese Entscheidung einmal treffen und dann auch dafür einstehen.
Damit war ich also in Italien ein Juventino und in Deutschland ein Bayer. Aber warum? Wirklich beantworten konnte ich mir das nie.

Derweil war das 19-jährige römische Talent bei einer regionalen Sportsendung namens "Pressing" zu Gast, die ihm eine Video-Montage widmete. Der Moderator preiste diese Mini-Hommage mit den Worten an "Bereitet eure Video-Rekorder vor" (die 90er waren einfach genial):

Die EM 2000

Der Sommer im Jahr 2000. Ich war zwölf Jahre alt als ich ihn das erste Mal im Fernsehen sah. Nicht ahnend, dass er mein Leitbild vom Fußball für immer verändern würde. Die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden begann und er stand vor seinem ersten großen Turnier. Zu der Zeit hatte ich bereits ein großes Turnier im Fernsehen verfolgt. Die WM 1998 in Frankreich. Damals waren meine Vorbilder noch Spieler wie Roberto Baggio, Christian Vieri, Alessandro Del Piero und natürlich Zinedine Zidane. Für meine Eltern war Roberto Baggio das non plus ultra. Dementsprechend war ich sehr skeptisch, was die Chancen von Italiens Nationalelf bei der EM anbelangte, da Roberto Baggio nicht dabei war. Italien ohne Baggio?! Wo sollten die den hin? Das kann niemals was werden! Baggio ist DIE Legende, es gibt keinen wie ihn.

Im ersten Spiel gegen die Türkei wunderte ich mich erstmal, warum denn nicht die Nummer zehn spielt. Warum spielt nicht Del Piero? Stattdessen spielte die Nummer 20: Ein junger Mann namens Francesco Totti. Diesen Namen hörte ich zum ersten Mal. Er war eher unauffällig, zeigte aber interessante Ansätze. Ich dachte nicht groß darüber nach, vor allem da Antonio Conte damals zum Gesprächsthema Nummer eins mit seinem Fallrückziehertor wurde. Und da Italien gewann, war es mir nicht so wichtig, dass die Nummer 10 fehlte.

Zweiter Spieltag: Italien - Belgien stand auf dem Programm.

Das Spiel kam im Abendprogramm und am nächsten Tag war Schule, also durfte ich nicht so lange aufbleiben. Jedoch erlaubten mir meine Eltern, die erste Halbzeit anzuschauen. Ich freute mich wie ein, naja, kleines Kind eben. Die Partie begann und der erste Jubel lies nicht lange auf sich warten.
Freistoß nahe der Seitenlinie, unweit vom Strafraum. Albertini flankte den Ball und Totti traf zu seinem zweiten Treffer für Italien, und das per Kopf!
...und das war es, das erste Tor von ihm, das ich Live im Fernsehen sehen durfte. Ein Kopfballtor also, nicht nur, dass es das erste Tor war das ich von ihm sah, es war auch noch eines seiner seltenen Treffer per Kopf.

Zeit für das Viertelfinale: Italien - Rumänien.

Francesco war einmal mehr einer der herausragenden Spieler auf dem Feld. Ich fing an mich mehr und mehr für ihn zu interessieren. Trotz seines wunderschönen Treffers im letzten Gruppenspiel gegen Schweden saß Del Piero schon wieder auf der Bank. Doch ich begriff, dass man nicht die Nummer 10 auf dem Rücken tragen muss, um wie eine Nummer 10 zu spielen.


EURO 2000 Quarter Final: Italy 2 Romania 0 von foetbal247

Dem Traum ein Stück näher. Halbfinale gegen den Gastgeber.

Der Tag an dem er Platz auf dem Thron in der Fußballwelt eines kleinen Jungen nahm. Nie werde ich vergessen, was ich damals sah.
Es war einer dieser "So etwas habe ich noch nie gesehen" - Momente.

Das ganze Spiel über war ich nervös, konnte mir das Spiel kaum ansehen. Italien wurde vom Gastgeber immer und immer wieder an die Wand gedrückt. Jede Minute die verging rückte das Finale in weite Ferne. Die Holländer spielten sehr gut. Italien verlor zudem auch noch einen Mann durch eine rote Karte und war gezwungen, die ständig wiederkehrenden Angriffe der Holländer zu verteidigen. Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass ich bei einem Fußballspiel vom bloßen Zuschauen ins Schwitzen kam. Kluivert und co. versuchten alles daran, ins Finale im eigenen Land zu ziehen. Inklusive zwei Elfmeter während der regulären 90 Minuten, welche sie beide verschossen. Es sah hoffnungslos aus und das Spiel ging dann auch noch ins Elfmeterschießen. Italiens Fluch.
Als Zuschauer wusste man, dass - trotz der zwei verschossenen Elfmeter - die italienischen Spieler auf dem Platz mehr Angst davor hatten, als die Holländer. Uns gingen alle die Bilder von Di Biagio '98 und Roberto Baggio '94 durch den Kopf, als man die letzten entscheidenden Elfmeter verschoss.

Derweil passierte im Mittelfeld folgendes:
"Mo je faccio er cucchiaio (ital. Löffel)" tönte er im römischen Dialekt von sich. Totti teilte seinen Mitspieler Di Biagio und Maldini mit, dass er vor hat den Ball ins Tor zu lupfen, bzw. zu "löffeln".
Sie meinten er sei verrückt, dass man so etwas in einem Halbfinale nicht machen könnte.

Weiter vorne am Elfmeterpunkt: Er legt sich den Ball zurecht, nimmt ein paar Schritte Anlauf. Voller Nervosität erwarte ich seinen Schuss. "Bitte, bitte, hau ihn rein" Er setzt an, läuft los und schiebt seinen Fuß unter den Ball. Das Netz wackelt. "Es muss ein Tor gewesen sein. Doch wo war der Ball?" dachte ich mir. "Was hat er da gemacht?" Der Ball war zu langsam als das ich ihn sehen konnte, denn ich erwartete einen starken Schuss. Er lupfte den Ball und in einem leichten Bogen schwebte der Ball über die Torlinie während Van der Sar bereits am Boden in der Ecke lag, und auch noch Zeit hatte dabei zuzusehen, wie der Ball die Linie überquerte. Nicht in Worte zu fassen, was er da gemacht hatte. Ich war so fasziniert von dieser Cleverness, dass ich noch darüber nachdachte, nachdem das Elfmeterschießen vorbei war und feststand, dass Italien im Finale steht.

Und dann die Art wie er jubelte:
Sich auf einem Knie stützend mit angewinkeltem Ellenbogen und dem gestreckten Zeigefinger.

Als würde er sagen wollen: Ich bin die Nummer 1.

Dieses Bild hatte ich jahrelang als Poster in meinem Zimmer. Auch noch als es von diversen Wohnungsumzügen angerissen war hing es immer an meiner Wand. Ein fußballerisches Symbol in meinem Leben an das ich mich immer erinnern werden wollte.

Nun wollte ich natürlich auch wissen für welchen großen Fußballclub er wohl spielt? Für welche Mannschaft läuft er auf, wenn er mal nicht für die Nationalmannschaft Elfmeter ins Netz zaubert? Schnell fand ich heraus, dass sein Verein der AS Rom ist. Moment, AS Rom? Kein reicher Verein aus dem Norden? Aber alle sind doch Fans großer und reicher Fußballclubs. Nachdem ich erfuhr, dass er aus Rom ist und das sein Jugendverein war, und er auf dieser Welt nichts mehr liebt als seine Heimatstadt und seinen Heimatverein, war für mich klar ich hatte mich entschieden.
Und so war es und so sollte es sein. Ab jenem Tag war ich Fan von Francesco Totti und dem AS Rom.

Baggio, Vieri, Del Piero und wie sie alle heißen; ich fand sie toll und das tat ich auch weiterhin. Doch nun gab es ein Symbol für den Fußball in meiner Welt. Das Symbol das ich suchte und für das ich mein Leben lang sein wollte. Nichts anderes sollte es mehr geben. Nichts anderes sollte mehr in Frage kommen. Ich hatte ihn gefunden, endlich! Mein persönlicher Held. Mein Vorbild.

Endlich hatte ich eine Antwort auf die Frage: Juve oder Inter? Bayern oder BVB?
Endlich hatte ich eine Antwort auf die Frage: Ronaldo oder Del Piero?
Nichts von alledem! Es muss der AS Rom sein. Es muss Totti sein! Auch wenn es keiner so wirklich verstand. Es war meine Entscheidung und nichts und niemand konnte mich davon abbringen, dafür einzustehen.

Er ist Römer und Romanista und er spielt für den AS Rom. Kein reicher Verein aus dem Norden. Keine Milliarden von Lire um sich jeden Fußballer zu kaufen, der in seiner Karriere mal ein gutes Spiel bestritten hat. Es gab eine Geschichte dahinter. Seine Geschichte. Das was ich brauche, um mich für etwas zu entscheiden. Warum tun Menschen, das was sie tun? Und ist es gut, was sie tun?
Sein Credo wurde zu meinem: Vergiss niemals wo du herkommst und trage es im Herzen mit dir.

02. Juli 2000

Wenn es geistige Narben in den Erinnerungen an ein Sportereignis gibt, dann ist das mit Abstand meine Größte und Schmerzvollste. Mit etwas Angst vor dem großen Weltmeister und seinem Star, Zidane, blickte ich dem Spiel entgegen. Innerlich hoffte ich auf die Revanche für das verlorene Viertelfinale zwei Jahre zuvor, welches immer noch brannte. Zu jener Zeit lagen all meine Hoffnungen beim Trio Baggio, Del Piero und Vieri. Dieses Mal lagen sie einzig und alleine bei Totti. Ich war mir sicher, dass das nicht alles war, was er bisher gezeigt hatte. Er sollte sich das Beste für den Schluss aufheben.
Und so war es auch: Totti machte ein wundervolles Spiel und wurde zum Man of the match gewählt. Doch leider brachte es nichts.
Die 55. Minute, Totti leitet mit einem seiner vielen Markenzeichen das Tor zur Führung ein. Mit seiner Fertigkeit zieht er zwei Spieler auf sich, die er mit nur einer Berührung mit der Hacke ins Leere laufen lässt und somit durch einen genialen Pass auf den dadurch freiwerdenden Pessotto die ideale Vorlage schafft für eine Flanke ins Innere der französischen Abwehr, wo Delvecchio mit einem Volley aufwartet. Italien geht in Führung und der Traum eines kleinen Kinds rückt in greifbare Nähe...bis 30 Sekunden vor Schluss.

Mit dem letzten verzweifeltem Versuch bringt sich Frankreich durch Wiltord in die Verlängerung und meine Welt steht still. Nicht nur ich bin geschockt, sondern auch jeder Spieler Italiens und man spürt das. Das Tor von Trezeguet war nur eine Frage der Zeit und als es dann fällt, zerbricht mein Herz in tausend Teile. Zum ersten Mal erfuhr ich wie es ist, wenn man im Leben aus einem Traum gerissen wird. Wenn die harte Realität dir mit der Faust ins Gesicht schlägt und du es am nächsten Tag noch spürst. Das Europa damit auch die Sinnlosigkeit eines Golden Goal unter Beweis gestellt sah, war für mich ohne Bedeutung.

Lo scudetto

scudetto 2001

Anthony Majanlahti/CC-BY-2.0

Tottis Weg zur Legende tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, in der nachfolgenden Saison 2000/2001 führte er zusammen mit Batistuta die Roma, unter Trainer Cappello, zu ihrem dritten Scudetto und schrieb damit römische Stadt-Geschichte. Das Stadio Olimpico voller Fans stürmte den Platz bereits vor Spielende. Die Euphorie war groß. Man musste das Spiel mit den Fans an der Seitenlinie noch zu Ende spielen bevor endlich der erlösende Schlusspfiff kam und eine ganze Stadt den Einmarsch der Legionäre wie man es sich sonst nur im alten Rom vorstellen konnte, feierte. Medienangaben zufolge feierten knapp eine Millionen Menschen am Circus Maximus ihre Mannschaft und den zum achten König Roms ernannten Totti.

Wobei hier anzumerken ist, dass Totti damals eine der wohl stärksten römischen Armeen überhaupt hinter sich führte.
Darunter Legenden und Weltklasse-Spieler wie Cafu, Batistuta, Aldair, Montella, Delvecchio, Nakata, Emerson, Candela, Samuel und Tommasi. Diese Armee hängte Mannschaften hinter sich ab, die nicht minder bestückt waren, wie Ancelottis Juventus Turin mit Del Piero, dem Italienkiller Trezeguet und Weltstar Zidane oder der Stadtrivale und Titelverteidiger Lazio, mit Spielern wie Pavel Nedved, Diego Simeone, Alessandro Nesta und Torschützenkönig Hernán Crespo.

Map mit den Stadien der Serie A in denen Totti traf. (Die größeren Vereinswappen sind seine Lieblingsgegner) / (Daten: www.transfermarkt.de)

Der gebrochene Fuß

Eine ganze Nation hatte nur eine Frage im Kopf: Schafft Totti es zur Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland?
Es waren sechs Minuten und zwölf Sekunden gespielt am Nachmittag des 19. Februar 2006 im Ligaspiel gegen Empoli, als Totti gefoult wurde. Sein Fuß drehte sich unnatürlich nach außen und es war klar, dass das keine normale Verletzung sein sollte. Schock im Stadion. Schock in Italien. Es waren nur noch knapp drei Monate bis zur WM und Italiens bester Spieler brach sich das Wadenbein.
Acht Schrauben benötigte der Chirurg um es zu fixieren. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt ob er es rechtzeitig zu dem wichtigsten Fußball-Ereignis schaffen würde, gar ob er überhaupt jemals wieder auf dem Spielfeld stehen würde. Der Täter wurde in den Medien viel diskutiert. Das komplette Szenario glich auf Grund der medialen Auswucherung einem Staatsproblem. Selbst der Pay-TV Sender Sky brachte einen Dokumentationsfilm über die Verletzung und die drei Monate andauernde Rehabilitation.

Die Wiederauferstehung

Italy - Australia

113 Tage nach seiner Verletzung kam es dann zu dem von allen Fans herbeigesehnten Wunder. Totti stand zum ersten Spiel für Italien wieder auf dem Platz. In den ersten zwei Gruppenspielen wurde er jeweils frühzeitig ausgewechselt, um ihn langsam wieder an das Spielniveau der 90 Minuten heranzuführen.
Der Schlüsselmoment kam für ihn im ersten Spiel, in dem er nicht in der Startelf stand. Im Achtelfinale.
Alles sah bereits nach Verlängerung aus, Italien spielte nur noch zu zehnt gegen die Überraschungsmannschaft aus Australien und hatte so ihre Schwierigkeiten. Doch in der 93. Minute war es wieder soweit. Elfmeter für Italien und Showdown für den in der 75. Minuten eingewechselten Totti.
Auf ihm lastete der Druck von Millionen von Zuschauern die darauf hofften, dass er Italien eine Runde weiterbringt und wahrscheinlich auch, dass er diesmal nicht den 'cucchiaio' macht.

Die Sergio Leone-esque Nahaufnahme seiner Augen vor dem Elfmeter brachten eine Stimmung, wie man sie sonst nur aus Westernduellen kennt. Die Regie sorgte für die nötige Dramatik und diese eine Nahaufnahme wurde zu einem der bedeutensten Bilder für den Sieg der WM. Sie verkörperte all die Opfer, die er in den letzten drei Monaten gebracht hatte, um in Rekordtempo dort sein zu dürfen und all den Schmerz, den er durchlitten hatte in den Augenblicken nach der Verletzung.

Der goldene Schuh

Die darauf folgende Saison setzte er seinen persönlichen Siegeszug fort. Weiterhin mit acht Schrauben im Bein, spielte sich Totti ein weiteres mal in die Fußballannalen.
Es war die Saison 2006/2007 und auf Grund der mangelnden Anzahl an Stürmern sah sich Trainer Spalletti gezwungen, ihn als Sturmspitze aufzustellen, und nachdem es einmal gut ging, blieb Totti dort der fixe Punkt. Eine weitere Persona war geboren, die des Mittelstürmers Totti. 35 Spiele und 26 Tore später gewann Totti den goldenen Schuh als Europas bester Torschütze. Mehr als van Nistelrooij in Spanien und Drogba in England. Ein Jahr zuvor wurde seine Karriere bereits als beendet erklärt. Dass er nie wieder auf seinem alten Niveau spielen könne. Wie so oft, wenn er abgeschrieben wurde, zeigte er, dass es keinen gibt wie ihn. Er bringt sie alle zum schweigen.

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Halbfinale Europameisterschaft 2000 gegen die Niederlande: 'Er cucchiaio'. Totti tritt gegen Torhüter van der Sar an.

Ein weiterer 'cucchiaio', dieses Mal gegen Inter Mailand und gleichzeitig einer der schönsten Treffer seiner Karriere. Selbst die Inter-Fans applaudierten bei diesem Tor.

Das legendäre "Panini" Tor (identisch mit der Sportfigur des Sticker-Album-Herstellers) im Derby, mit anschließendem Selfie vor der eigenen Kurve.

Sampdoria - Roma. Das wohl bisher schönste und unmöglichste Tor seiner Karriere.

2016 - Totti kommt rein, hat zwei Ballkontakte und macht zwei Tore. Das alles kurz nach den Diskussionen, ob er nicht besser aufhören sollte.

Das Marketing der amerikanischen Vereinsführung des AS Roms brachte Totti mit einem Spot zum Stadt-Derby auch in ihre eigene Go-To-Strategie.

Der letzte trequartista

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Die Geschichte einer Legende, die hoffentlich noch nicht zu Ende ist. Heute ist er in der Serie A der letzte seiner Art. Der letzte trequartista, wie sie einst nur von Maradona, Platini, Rivera gespielt wurden. Trequartista ist die Nummer 10, wie man sie aus den Geschichten von früher kennt, am Dreiviertelpunkt des Platzes leitet er alle Offensivaktionen, wie ein Dirigent. Ähnlich einem Dirgenten (einem wütenden) agierte auch Giovanni Trapattoni, Tottis ehemaliger Trainer bezeichnete ihn als einen Künstler.

Totti zu sagen, was er zu tun hat, ist wie einem Künstler Handschellen anzulegen, um zu malen.

Auch sein langjähriger Mannschaftskollege Gigi Buffon ehrte Totti für seine Leistung. Zu seinem 20-jährigen Jubiläum in der Serie A schrieb er ihm einen offenen Brief, welcher durch die internationale Sportpresse ging. John Arne Riise sagte nach seiner Zeit beim AS Rom über ihn:

"In einer Fußballmannschaft ist Totti dem was einem Gott am nächsten kommt".

Nebst den Legenden, die er als Trainer und Mitspieler traf, lobten ihn auch Helden vergangener Zeiten wie Pelè, Platini und Maradona, die in ihm einen der besten Spieler aller Zeiten sehen, der anderswo wahrscheinlich alles gewonnen hätte, was es zu gewinnen gibt, inklusive dem längst überfälligen Ballon d'Or, wie es sich für einen Spieler seiner Klasse gehört.

Alle Stadien in Europa in denen Totti mit dem Trikot des AS Roms bis heute ein Pflichtspiel absolvierte. / (Daten: www.transfermarkt.de)

Doch auch Halbsterbliche haben ihre Schwächen und so war er nicht immer ein Vorbild. Es gab auch Ausschweifungen in seiner Karriere, wie damals als er, von der Presse als Lama bezeichnet, den Dänen Poulsen während einer Partie zur EM 2004 bespuckte und dafür drei Spiel gesperrt worden war. Oder der rüde Sprung auf statt neben Leverkusens Carsten Ramelow im selben Jahr. Oder beim Kampf der Generationen, als Totti Balotelli von hinten in die Beine trat, eine Auseinandersetzung, die durch Provokation und Nervenverlust der Fehde Zidane-Materazzis glich. Nicht unfehlbar also. In einer solch langen Karriere kann das durchaus mal vorkommen, doch das soll nicht diese Geschichte zerstören. Francesco hat mir und vielen anderen Freude im Leben gebracht und mit dieser Hommage möchten wir ihm danken.
Danke, Francesco. Deine Prinzipien sind Sinnbild für diesen Sport und du verteidigst sie mit Ehren.

Du bist die Antithese zu Hendrik Höfgen. Mephistos Augen haben dich nicht verführt. Sicherlich schweiften die Gedanken dahin, doch die Figur die du verkörperst, dessen einziger Fehler es ist, Totti zu sein, war nicht vorgesehen für das Söldnertum der Neuzeit. Als letzter Gladiator deklariert, lebst du es uns vor zu kämpfen und es nach vorne zu tragen. Wie die Arbeitergesellschaft, die die ganze Woche arbeitet um dich sonntags im Stadion zu sehen.
Du verköperst die Träume des chaotischen Südens mit Herz und Leidenschaft. Mit dem was du bist und nicht nur mit dem was du tust.
Gegen die harte Realität die einen immer wieder einholt, und man wünscht sich so sehr den Titel den man 30 Sekunden vor Ende verliert, und man wünscht sich so sehr den Titel, den man drei Spieltage vor Ende versäumt. Wie im Mantel einer Religion, lachen und feiern die Gegner, doch uns hält sie am Leben.

Sollte ich wieder am vertrockneten, staubigen Fußballplatz inmitten des kleinen Dorfs im kalabresischem Nirgendwo vorbeispazieren und dort die wenigen kleinen Kinder spielen sehen, werde ich ihnen deine Geschichte erzählen.